1.3.6 Identify Purpose: Wenn das Interface zur persönlichen Assistenz wird (AAA)

Was ist das Ziel dieses Kriteriums?

Stell dir vor, du nutzt eine App, aber alle Icons sind dir fremd, die Begriffe unverständlich und die Navigation fühlt sich an wie ein Irrgarten. Für Menschen mit kognitiven Einschränkungen ist das digitaler Alltag – es sei denn, Websites und Apps sprechen ihre Sprache.

Das Ziel von Erfolgskriterium 1.3.6 ist es, dass Nutzer ihre digitale Umgebung personalisieren können. Wenn der Zweck von Buttons, Icons und Bereichen programmatisch erkennbar ist, können assistive Technologien diese Informationen nutzen, um vertraute Symbole, einfachere Begriffe oder angepasste Oberflächen anzuzeigen.

Kurz gesagt: Es geht darum, dass jeder das Interface bekommt, das er versteht – und das passiert automatisch.

 

Was fordert das Erfolgskriterium genau?

Bei Erfolgskriterium 1.3.6 geht es um die semantische Auszeichnung auf einer ganz spezifischen Ebene. Das Kriterium fordert, dass in Markup-Sprachen der Zweck folgender Elemente programmatisch bestimmbar sein muss:

Benutzeroberflächen-Komponenten (wie Buttons, Links, Formularfelder): Diese müssen so ausgezeichnet sein, dass klar wird, wofür sie da sind – nicht nur was sie sind, sondern was sie tun.

Icons: Symbole müssen semantisch beschrieben sein, damit sie durch vertraute Alternativen ersetzt werden können.

Regionen der Seite: Bereiche wie Navigation, Hauptinhalt oder Seitenleiste müssen erkennbar markiert sein.

Das Ziel: User Agents und assistive Technologien sollen diese Informationen nutzen können, um Inhalte anzupassen – etwa durch andere Symbole, vereinfachte Sprache oder personalisierte Layouts.

Wichtig: Dies ist ein Level-AAA-Kriterium und geht weit über die Grundanforderungen hinaus. Es ermöglicht echte Personalisierung für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?

Stell dir vor, du hast Schwierigkeiten beim Lesen oder bei der Aufmerksamkeit und jede Website sieht anders aus, nutzt andere Symbole und andere Begriffe. Das wäre, als würdest du ständig in einem fremden Land mit wechselnden Regeln leben.

Identify Purpose schafft Barrierefreiheit, weil es ermöglicht:

  • Vertraute Symbole: Menschen können ihre eigenen Icon-Sets verwenden, die sie verstehen
  • Vereinfachte Oberflächen: Unwichtige Bereiche können ausgeblendet oder weniger ablenkende Layouts geladen werden
  • Personalisierte Begriffe: Schwierige Wörter können durch einfachere Alternativen ersetzt werden
  • Konsistente Navigation: Gleichartige Funktionen werden immer gleich dargestellt, egal auf welcher Website
  • Reduzierte kognitive Belastung: Weniger Informationen auf einmal, angepasst an individuelle Fähigkeiten

Und das Beste: Diese Anpassungen passieren automatisch, ohne dass jede Website einzeln angepasst werden muss. Einmal konfiguriert, funktioniert die Personalisierung überall.

 

So setzt du das Kriterium erfolgreich um

Die Umsetzung von 1.3.6 ist technisch anspruchsvoller als bei anderen Kriterien, aber durchaus machbar. Hier die wichtigsten Ansätze:

 

ARIA Landmarks für Regionen:

html

<header role="banner">

<nav role="navigation">

<main role="main">

<aside role="complementary">

<footer role="contentinfo">
<header role="banner">

<nav role="navigation">

<main role="main">

<aside role="complementary">

<footer role="contentinfo">

 

Semantische Auszeichnung für Funktionen: Nutze spezifische ARIA-Attribute oder Microdata, um den Zweck von Elementen zu kennzeichnen:

html

<!-- Statt nur "Home" -->

<a href="/" aria-label="Zur Startseite">Home</a>


<!-- Für spezielle Icons -->

<button aria-label="Profil bearbeiten" data-purpose="user-profile">
    <img src="edit-icon.svg" alt="">

</button>
<!-- Statt nur "Home" -->

<a href="/" aria-label="Zur Startseite">Home</a>


<!-- Für spezielle Icons -->

<button aria-label="Profil bearbeiten" data-purpose="user-profile">
    <img src="edit-icon.svg" alt="">

</button>

Strukturierte Daten nutzen: Verwende Schema.org oder ähnliche Standards, um Inhalte semantisch zu beschreiben.

Konsistente Naming Conventions: Halte dich an etablierte Begriffe und Strukturen, damit User Agents diese erkennen können.

 

Tools und Standards:

  • HTML5 semantische Elemente konsequent nutzen
  • ARIA 1.1 Spezifikationen befolgen
  • WAI-ARIA Authoring Practices beachten
  • Microdata oder JSON-LD für strukturierte Auszeichnung

Wichtig: Da dies ein AAA-Kriterium ist, solltest du es als Verfeinerung einer bereits gut zugänglichen Website verstehen, nicht als Grundausstattung.

Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist

Auch bei diesem fortgeschrittenen AAA-Kriterium gilt: Barrierefreiheit bedeutet Innovation und Wettbewerbsvorteil. Identify Purpose zeigt, wo die Reise hingeht.

 

1. Zukunftssicherheit gewinnen

Personalisierbare Interfaces sind der nächste große Trend. Wer heute schon semantisch sauberen Code schreibt, ist bereit für morgen – wenn Browser und Apps standardmäßig Personalisierung anbieten.

 

2. Tech Debt reduzieren

Saubere, semantische Auszeichnung macht Code wartbarer und robuster. Was für Assistive Technologien gut ist, hilft auch bei SEO, automatisierten Tests und API-Integration.

 

3. Marktpositionierung stärken

Als Vorreiter bei digitaler Inklusion positionierst du dich als innovatives, verantwortungsbewusstes Unternehmen – ein echter Unterschied in der Wahrnehmung von Kunden und Talenten.

Und nicht zuletzt: Rechtssicherheit und Fördermöglichkeiten. Viele öffentliche Projekte fordern digitale Barrierefreiheit bereits verpflichtend – wer auf AAA-Level vorbereitet ist, hat klare Vorteile bei Ausschreibungen und Förderanträgen.

 

Das Erfolgskriterium im Wortlaut der W3

Success Criterion 1.3.6 Identify Purpose (Level AAA)

In content implemented using markup languages, the purpose of user interface components, icons, and regions can be programmatically determined.

Link zum konkreten Erfolgskriterium

.h3, h3 { font-size:24px; }