1.2.8 Medienalternative: Wenn Text das komplette Medienerlebnis werden muss (AAA)

Was ist das Ziel dieses Kriteriums?

Stell dir vor, du willst einen wichtigen Vortrag verfolgen – aber du siehst so schlecht, dass du die Untertitel nicht lesen kannst, und hörst so schlecht, dass du die Audiodeskription nicht verstehst. Für Menschen, die sowohl Seh- als auch Hörbeeinträchtigungen haben, besonders für taubblinde Personen, sind herkömmliche Barrierefreiheitslösungen wie Untertitel oder Audiodeskription nicht ausreichend.

Das Ziel von Erfolgskriterium 1.2.8 der WCAG ist es, für alle aufgezeichneten Medien eine vollständige Textalternative bereitzustellen. Diese Textalternative beschreibt sowohl alles, was zu sehen ist, als auch alles, was zu hören ist – und das in einer zusammenhängenden, lesbaren Form, die über Braille-Zeilen oder andere assistive Technologien zugänglich gemacht werden kann.

Was fordert das Erfolgskriterium genau?

Ganz konkret verlangt dieses Level-AAA-Kriterium eine umfassende Textalternative für alle vorher aufgezeichneten Medien:

Für synchronisierte Medien (Video mit Ton): Eine vollständige Textalternative, die sowohl alle visuellen als auch alle auditiven Informationen enthält – Dialog, Geräusche, Musik, Handlungen, Szenenwechsel, visuelle Effekte.

Für reine Video-Inhalte (ohne Ton): Eine detaillierte Beschreibung aller visuellen Informationen in Textform.

Die Textalternative ist wie ein Buch zu lesen – im Gegensatz zur Audiodeskription ist sie nicht auf die Pausen zwischen Dialogen beschränkt, sondern kann das komplette Medienerlebnis in zusammenhängender Textform wiedergeben.

Ausnahme: Wenn das Medium selbst nur eine Alternative zu bereits vorhandenem Text ist und als solche klar gekennzeichnet ist, muss keine zusätzliche Textalternative erstellt werden.

 

Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?

Stell dir vor, du willst einen Online-Kurs absolvieren, aber du bist taubblind und nutzt eine Braille-Zeile. Untertitel kannst du nicht sehen, Audiodeskription kannst du nicht hören – ohne Textalternative bleibt dir der Lerninhalt vollständig verschlossen.

Vollständige Medienalternativen schaffen Barrierefreiheit, weil sie:

  • Taubblinden Menschen den Zugang ermöglichen – sie können über Braille-Zeilen das komplette Medienerlebnis erfassen
  • Menschen mit extremen Seh- und Hörbeeinträchtigungen helfen, die weder Untertitel noch Audiodeskription nutzen können
  • Universelle Zugänglichkeit schaffen – Text lässt sich in jede erdenkliche Form umwandeln: Braille, Großdruck, synthetische Sprache
  • Durchsuchbarkeit und Archivierung ermöglichen – Medieninhalte werden vollständig indexierbar und wiederverwendbar
  • Auch Menschen ohne Behinderungen in bestimmten Situationen helfen – etwa beim stillen Mitschreiben oder in extrem lauten oder stillen Umgebungen

Und: Eine Textalternative ist die robusteste Form der Barrierefreiheit – sie funktioniert auf jedem Gerät, mit jeder Technologie und in jeder Situation.

 

So setzt du das Kriterium erfolgreich um

Das Erstellen einer vollständigen Medienalternative ist durchaus aufwendig – aber mit der richtigen Herangehensweise gut machbar. Hier ein paar bewährte Strategien:

 

Für die Textalternative selbst:

  • Chronologisch vorgehen – beschreibe das Medium in der Reihenfolge, wie es abläuft
  • Alle Sinneseindrücke erfassen – sowohl visuell als auch auditiv, inklusive Geräusche, Musik, Sprecherwechsel
  • Wie ein Drehbuch schreiben – strukturiere den Text mit Sprecherangaben, Szenenbeschreibungen und Handlungsabläufen
  • Interaktive Elemente einbeziehen – falls das Medium Interaktionen enthält, beschreibe diese und biete äquivalente Alternativen

 

Praktische Tipps:

  • Mit einem Transkript beginnen – falls du bereits eines für 1.2.1 hast, nutze es als Grundlage und erweitere es um visuelle Beschreibungen
  • Professionelle Tools verwenden – Software wie Rev, Amara oder spezialisierte Transkriptions-Services können helfen
  • Strukturierung beachten – nutze Überschriften, Absätze und klare Sprecher-Kennzeichnungen für bessere Lesbarkeit
  • Testen lassen – lass die Textalternative von Menschen mit Seh- und Hörbeeinträchtigungen prüfen

 

Technische Umsetzung:

  • Direkter Link zum Volltext in unmittelbarer Nähe des Mediums
  • HTML-Struktur nutzen – mit semantic markup für bessere Navigation
  • Download-Option anbieten – als barrierefreie Textdatei oder PDF mit korrekter Struktur

Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist

Level AAA mag erst einmal nach „nice to have“ klingen – aber vollständige Medienalternativen bieten auch handfeste Business-Vorteile, die weit über die reine Compliance hinausgehen.

 

1. Zielgruppe erweitern und Inklusion vorantreiben

Taubblinde Menschen und Menschen mit kombinierten Seh- und Hörbeeinträchtigungen sind oft hochqualifizierte Fachkräfte, die wertvollen Input liefern können. Mit vollständigen Medienalternativen schließt du niemanden aus und zeigst echtes Engagement für Diversität.

 

2. Content-Verwertung maximieren

Eine vollständige Textalternative ist Gold wert für die Content-Strategie: Sie kann zur Basis für Blogartikel, Whitepapers, Schulungsunterlagen oder Social-Media-Posts werden. Du produzierst einmal und nutzt den Inhalt vielfach.

 

3. Zukunftssicherheit und Innovation

KI-Systeme, Suchmaschinen und neue Technologien können Textinhalte deutlich besser verarbeiten als Audio oder Video. Wer heute schon vollständige Textalternativen hat, ist für die digitale Zukunft optimal gerüstet.

Und nicht zuletzt: Rechtssicherheit und Fördermöglichkeiten. Viele öffentliche Projekte und internationale Märkte erwarten zunehmend höchste Barrierefreiheitsstandards – wer vorbereitet ist, hat klare Vorteile bei Ausschreibungen und Förderanträgen.

Das Erfolgskriterium im Wortlaut der W3

Success Criterion 1.2.8 Media Alternative (Prerecorded)
(Level AAA)

An alternative for time-based media is provided for all prerecorded synchronized media and for all prerecorded video-only media.

Link zum konkreten Erfolgskriterium

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