Erfolgskriterium 2.5.7
2.5.7 Ziehbewegungen
Wenn Ziehen zur Hürde wird.
1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?
Eine Karte im Kanban-Board verschieben, eine Liste per Drag-and-drop umsortieren, einen Regler mit der Maus ziehen – für viele Menschen ganz selbstverständlich. Aber was, wenn präzises Ziehen und Ablegen zur unüberwindbaren Hürde wird? Menschen mit motorischen Einschränkungen, Menschen mit Tremor oder Nutzer:innen spezieller Eingabegeräte können solche Bewegungen oft nicht oder nur sehr mühsam ausführen.
Das Ziel von Erfolgskriterium 2.5.7 der WCAG ist deshalb klar: Jede Funktion, die über Ziehbewegungen bedient wird, braucht eine Alternative mit einem einzelnen Zeiger ohne Ziehen. Kein Gedrückthalten während einer Bewegung – nur einfache Klicks oder Taps.
2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?
Ganz konkret geht es um alle Funktionen, die eine Ziehbewegung erfordern – also Element greifen, mit gedrückter Taste oder aufgelegtem Finger bewegen und loslassen.
Für jede solche Funktion muss es eine Alternative geben, die mit einem einzelnen Zeiger ohne Ziehen auskommt:
- Einfache Klicks oder Taps statt einer Bewegung mit gehaltener Taste
- Mehrere Einzelaktionen nacheinander sind erlaubt, z. B. erst ein Element auswählen, dann das Ziel
- Menüs, Buttons oder andere Bedienelemente als Alternative
Ausnahmen gelten, wenn:
- das Ziehen wesentlich ist – etwa beim freihändigen Zeichnen, wo der Verlauf der Bewegung das Ergebnis ist
- die Funktion vom Browser bestimmt und von dir nicht verändert wird – etwa das Ziehen eines nativen Scrollbalkens
Wichtig: Eine reine Tastaturalternative reicht für 2.5.7 nicht aus. Menschen, die mit einem Zeiger arbeiten, brauchen eine Alternative, die sie auch mit dem Zeiger bedienen können. Tastaturbedienung ist trotzdem nötig – die verlangt Tastatur.
Ein konkretes Beispiel: Eine sortierbare Liste, die sich per Drag-and-drop umordnen lässt, bietet zusätzlich Buttons, um einzelne Einträge nach oben oder unten zu verschieben.
3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?
Stell dir vor, du willst eine wichtige Datei in einen Ordner verschieben, aber deine Hand zittert – oder du nutzt eine Augensteuerung, bei der gedrückt gehaltene Bewegungen kaum möglich sind. Ohne Alternative bleibt dir die Funktion verschlossen.
Alternativen zu Ziehbewegungen schaffen Barrierefreiheit, weil sie:
- Menschen mit motorischen Einschränkungen den Zugang zu allen Funktionen ermöglichen
- Menschen helfen, die Trackball, Kopf- oder Augensteuerung verwenden
- Menschen mit Tremor oder eingeschränkter Feinmotorik unterstützen
- in ungünstigen Situationen helfen, etwa bei einhändiger Bedienung oder im fahrenden Bus
- die Bedienung für alle robuster und fehlertoleranter machen
Und nicht zuletzt: Viele Menschen bevorzugen einfach eine Alternative – zum Beispiel, weil Ziehen auf einem kleinen Touchscreen schnell mit dem Scrollen kollidiert.
4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um
Die Qualität der Alternativen entscheidet darüber, ob eine Drag-and-drop-Funktion barrierefrei ist – oder nur umständlich. Hier ein paar bewährte Praxis-Tipps:
Gute Alternativen sind:
- leicht verständlich – man versteht sofort, wie sie funktionieren
- gleichwertig – dasselbe Ergebnis ist erreichbar
- gut sichtbar – man muss sie nicht suchen
- einheitlich platziert – ähnliche Funktionen an ähnlichen Stellen
Bewährte Umsetzungsmuster:
Für sortierbare Listen: Buttons „Nach oben“ und „Nach unten“ neben jedem Eintrag oder ein Auswahlfeld mit der Zielposition.
Für Kanban-Boards: Ein Menü an jeder Karte mit Optionen wie „Verschieben nach: In Bearbeitung“.
Für das Hochladen von Dateien: Zusätzlich zur Ablagezone immer einen „Datei auswählen“-Button anbieten.
Für Schieberegler: Antippen der Schiene setzt den Wert direkt, dazu Plus- und Minus-Buttons oder ein Eingabefeld für den genauen Wert.
Für Karten: Buttons zum Verschieben des Ausschnitts zusätzlich zum Ziehen.
<li>
Aufgabe: Angebot schreiben
<button type="button">Nach oben</button>
<button type="button">Nach unten</button>
</li>
Technische Hinweise:
- Das ursprüngliche Drag-and-drop darf bestehen bleiben – die Alternative kommt hinzu.
- Die Alternative muss nicht gleich aussehen, nur gleichwertig funktionieren.
- Achte darauf, dass die zusätzlichen Buttons groß genug sind, siehe Zielgröße (Minimum).
5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist
2.5.7 ist neu in WCAG 2.2. Die EN 301 549, auf die sich BFSG und BITV 2.0 stützen, verweist derzeit auf WCAG 2.1 Level AA – ausdrücklich gefordert ist 2.5.7 damit (Stand Oktober 2026) nicht. Empfehlenswert ist es trotzdem, gerade für Webanwendungen mit vielen Drag-and-drop-Funktionen. Dieser Abschnitt informiert allgemein und ersetzt keine Rechtsberatung.
1. Mehr Menschen erreichen
Drag-and-drop ohne Alternative schließt nicht nur Menschen mit Behinderungen aus, sondern auch alle in ungünstigen Situationen: bei einhändiger Bedienung, mit ungenauen Eingabegeräten oder unterwegs. Mit Alternativen ist deine Software für alle nutzbar.
2. Benutzerfreundlichkeit steigern
Einfache Alternativen sind oft präziser und schneller als Ziehen. Viele Menschen bevorzugen klare Buttons oder Menüs – besonders bei wichtigen Aktionen.
3. Weniger Fehler
Beim Ziehen geht leicht etwas schief: falsches Ziel, versehentliches Loslassen, abgebrochene Bewegung. Eindeutige Alternativen reduzieren solche Fehler und damit auch Support-Anfragen.
6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut des W3C
Success Criterion 2.5.7 Dragging Movements (Level AA)
All functionality that uses a dragging movement for operation can be achieved by a single pointer without dragging, unless dragging is essential or the functionality is determined by the user agent and not modified by the author.
Note: This requirement applies to web content that interprets pointer actions (i.e., this does not apply to actions that are required to operate the user agent or assistive technology).
Kurz gesagt: Alles, was sich durch Ziehen bedienen lässt, muss auch mit einem einzelnen Zeiger ohne Ziehen funktionieren – außer, das Ziehen ist wesentlich oder wird vom Browser bestimmt.
Offizielle Erklärung beim W3C
Das W3C erklärt jedes Erfolgskriterium ausführlich – mit Absicht, Beispielen und Techniken (auf Englisch).
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