Erfolgskriterium 3.1.3
3.1.3 Ungewöhnliche Wörter
Wenn Fachsprache Barrieren schafft.
1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?
Stell dir vor, du liest auf einer Firmenwebsite den Satz: „Unser agiles Framework implementiert eine skalierbare DevOps-Pipeline mit KPIs, die ROI und Time-to-Market optimieren.“ Für Eingeweihte verständlich – für alle anderen ein Rätsel aus Fachbegriffen.
Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Lernschwierigkeiten oder ohne Fachwissen stoßen bei Jargon, Redewendungen und ungewöhnlich verwendeten Wörtern schnell an Grenzen. Das Ziel von Erfolgskriterium 3.1.3 der WCAG ist daher, dass für solche Begriffe die konkrete Bedeutung nachgeschlagen werden kann.
Kurz gesagt: Jeder Begriff, der ungewöhnlich oder in einem eingeschränkten Sinn verwendet wird, braucht eine auffindbare Erklärung.
2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?
Ganz konkret geht es um Wörter und Wendungen, die ungewöhnlich oder in einer eingeschränkten Bedeutung verwendet werden. Dazu gehören drei Gruppen:
Fachsprache und Jargon: Begriffe aus bestimmten Berufsfeldern oder Gruppen, die außerhalb davon kaum verstanden werden – wie „Stakeholder“, „Benchmarking“ oder „Proof of Concept“.
Redewendungen: Ausdrücke, deren Bedeutung sich nicht aus den einzelnen Wörtern ergibt – wie „den Nagel auf den Kopf treffen“ oder „um den heißen Brei herumreden“.
Wörter in besonderer Bedeutung: Begriffe, die in einem Text eine spezielle Definition haben, die vom allgemeinen Verständnis abweicht – so hat etwa „Text“ in den WCAG eine eigene, genau festgelegte Bedeutung.
Die Anforderung: Es muss einen Mechanismus geben, mit dem sich die konkrete Bedeutung ermitteln lässt – zum Beispiel ein Glossar, ein Link zu einer Erklärung, eine Definition direkt im Text oder eine Erklärung, die sich per Klick einblenden lässt.
Wichtig: Das Kriterium hat Level AAA – die höchste Stufe der WCAG. Für Abkürzungen gilt das verwandte Kriterium Abkürzungen.
3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?
Stell dir vor, du liest einen Artikel über „Liquid Democracy“ oder „Tokenisierung“, aber niemand erklärt die Begriffe. Du gibst frustriert auf – obwohl dich das Thema eigentlich interessiert.
Erklärungen für ungewöhnliche Begriffe schaffen Barrierefreiheit, weil sie:
- Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Lernschwierigkeiten beim Textverständnis helfen
- Menschen unterstützen, denen es schwerfällt, Bedeutungen aus dem Zusammenhang zu erschließen
- Menschen helfen, die nicht in ihrer Erstsprache lesen – Redewendungen werden oft wörtlich verstanden
- Menschen mit Sehbehinderung unterstützen, die stark vergrößern und dadurch den Zusammenhang leichter aus dem Blick verlieren
- Einsteiger:innen und Fachfremden den Zugang zu Fachwissen erleichtern
Und nicht zuletzt: Sie machen Inhalte für alle verständlicher, die neugierig auf ein neues Thema sind.
4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um
Die gute Nachricht: Begriffe zu erklären ist meist einfacher, als es klingt. Hier ein paar bewährte Methoden:
Direkte Erklärungen im Text: „Beim Onboarding – also der systematischen Einarbeitung neuer Mitarbeiter:innen – geht es um …“. Das ist die einfachste und robusteste Lösung.
Glossar mit Verlinkung: Lege ein Glossar an und verlinke Fachbegriffe dorthin, mindestens beim ersten Vorkommen auf einer Seite.
Definitionen auszeichnen: Mit dem HTML-Element <dfn> kennzeichnest du die Stelle, an der ein Begriff definiert wird. Glossare lassen sich gut als Definitionsliste aufbauen:
<dl>
<dt><dfn id="onboarding">Onboarding</dfn></dt>
<dd>Systematische Einarbeitung neuer Mitarbeiter:innen.</dd>
</dl>
<p>Unser <a href="/glossar#onboarding">Onboarding</a> dauert vier Wochen.</p>
Einblendbare Erklärungen: Kurze Erklärungen, die sich per Klick öffnen, funktionieren gut – wenn sie per Tastatur und Touch erreichbar sind und für Screenreader verfügbar. Reine Tooltips per title-Attribut sind dafür ungeeignet. Für eingeblendete Inhalte gilt außerdem Eingeblendeter Inhalt bei Hover oder Fokus.
Strukturierte Ansätze:
- Kennzeichne erklärte Begriffe einheitlich – und nicht nur über Farbe.
- Biete verschiedene Detailgrade: Kurzerklärung im Text plus Link zur ausführlichen Definition.
- Verzichte auf Jargon, wo er nicht nötig ist – der beste erklärte Begriff ist oft der, den du gar nicht brauchst.
Mehr zu verständlichen Texten findest du im Artikel Leichte und Einfache Sprache.
5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist
3.1.3 ist ein AAA-Kriterium und weder über das BFSG noch über die BITV 2.0 verpflichtend – die zugrunde liegende EN 301 549 verlangt WCAG 2.1 Level AA. Verständlichkeit ist trotzdem ein handfester Vorteil.
1. Mehr Menschen erreichen
Wenn du Fachbegriffe erklärst, machst du deine Inhalte für mehr Menschen zugänglich. Ein Fachblog mit verständlichen Erklärungen erreicht nicht nur Expert:innen, sondern auch Interessierte, Studierende und Quereinsteiger:innen.
2. Indirekt besser gefunden werden
Barrierefreiheit ist kein direkter Rankingfaktor. Viele Menschen suchen aber genau nach Erklärungen – „Was bedeutet …?“. Ein gutes Glossar beantwortet diese Fragen und kann so neue Besucher:innen bringen.
3. Vertrauen schaffen
Wer nicht versteht, kauft nicht. Ein Shop oder Dienstleister, der Begriffe wie „Cloud-native“ oder „DSGVO-konform“ verständlich erklärt, baut Unsicherheiten ab und schafft Vertrauen.
Dieser Abschnitt informiert allgemein und ersetzt keine Rechtsberatung.
6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut des W3C
Success Criterion 3.1.3 Unusual Words (Level AAA)
A mechanism is available for identifying specific definitions of words or phrases used in an unusual or restricted way, including idioms and jargon.
Kurz gesagt: Für Wörter und Wendungen, die ungewöhnlich oder in einem eingeschränkten Sinn verwendet werden – einschließlich Redewendungen und Jargon –, muss sich die konkrete Bedeutung nachschlagen lassen.
Offizielle Erklärung beim W3C
Das W3C erklärt jedes Erfolgskriterium ausführlich – mit Absicht, Beispielen und Techniken (auf Englisch).
Understanding 3.1.3 (öffnet in neuem Tab)