Erfolgskriterium 2.2.3
2.2.3 Keine Zeitbegrenzung
Wenn Zeit keine Rolle spielt.
1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?
Stell dir vor, du versuchst online ein Ticket zu kaufen, aber das System gibt dir nur 30 Sekunden Zeit – und du brauchst eine Minute für deine Eingaben. Frustrierend, oder? Für viele Menschen mit Behinderungen ist genau das Alltag bei zeitlich begrenzten Inhalten.
Das Ziel von Erfolgskriterium 2.2.3 ist radikal einfach: Inhalte sollen grundsätzlich ohne Zeitvorgaben funktionieren. Menschen mit Behinderungen brauchen oft mehr Zeit zum Lesen, Verstehen oder Bedienen – und diese Zeit sollen sie bekommen.
2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?
Erfolgskriterium 2.2.3 geht einen Schritt weiter als das Level-A-Kriterium Zeitbegrenzungen anpassbar. Die Regel: Zeit darf kein wesentlicher Bestandteil eines Ereignisses oder einer Aktivität sein – mit nur zwei Ausnahmen:
Erlaubte Ausnahmen:
- Nicht interaktive synchronisierte Medien (z. B. ein Video mit Ton, bei dem nichts bedient werden muss)
- Echtzeit-Ereignisse (z. B. Live-Auktionen oder Live-Übertragungen)
Nicht erlaubt sind zum Beispiel:
- Tests oder Prüfungen mit Zeitlimit – auch dann, wenn die Zeit Teil der Aufgabe ist
- Formulare, die nach einer bestimmten Zeit ablaufen
- Automatische Seitenwechsel oder Weiterleitungen nach Zeit
- Zeitbasierte Spiele oder Aktivitäten, die keine Echtzeit-Ereignisse sind
Der Unterschied zu Level A: 2.2.1 erlaubt Zeitlimits, wenn man sie abschalten, anpassen oder verlängern kann, und kennt Ausnahmen für wesentliche Zeitlimits und Limits über 20 Stunden. Bei 2.2.3 fallen diese Ausnahmen weg – nur synchronisierte Medien und Echtzeit-Ereignisse bleiben.
3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?
Stell dir vor, du hast einen wichtigen Online-Test, der nach 60 Minuten automatisch abbricht – obwohl du den Stoff beherrschst und einfach mehr Zeit zum Lesen brauchst.
Inhalte ohne Zeitdruck schaffen echte Barrierefreiheit, weil sie:
- blinden Menschen mehr Zeit geben, Screenreader-Ausgaben zu verarbeiten und den Aufbau einer Seite zu verstehen,
- Menschen mit Sehbehinderungen ermöglichen, Inhalte in Ruhe zu finden und zu lesen,
- Menschen mit motorischen Einschränkungen das Tippen und Bedienen ohne Stress erlauben,
- Menschen mit kognitiven Einschränkungen genug Zeit zum Verstehen und Verarbeiten geben,
- gehörlosen Menschen Zeit zum Lesen geben, für die Schriftsprache oft eine Zweitsprache ist,
- allen eine entspanntere, stressfreiere Nutzung ermöglichen.
Kurz gesagt: Ohne Zeitdruck können sich alle auf den Inhalt konzentrieren, statt gegen die Uhr zu kämpfen.
4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um
Die gute Nachricht: Die Umsetzung ist oft einfacher als gedacht – es geht hauptsächlich darum, künstliche Zeitlimits zu entfernen, nicht neue Funktionen zu bauen.
Das solltest du tun:
- Entferne automatische Zeitabläufe aus Formularen und Tests.
- Gestalte Spiele rundenbasiert statt zeitbasiert.
- Verwende Links oder Schaltflächen statt automatischer Weiterleitungen.
- Bewerte Tests nach Punkten, nicht nach Zeit.
- Biete Pausenfunktionen für alle Aktivitäten an.
- Lass Nutzer:innen selbst durch Inhalte navigieren.
Das solltest du vermeiden:
- Sitzungsabläufe ohne zwingenden Sicherheitsgrund
- Zeitlimits in E-Learning-Modulen oder Tutorials
- Inhalte, die automatisch weiterschalten, bevor man reagieren konnte
- Countdowns für ganz normale Aktivitäten
Praktische Umsetzung:
- Formulare: Keine Sitzungsabläufe, außer aus Sicherheitsgründen – und dann so, dass nach einer erneuten Anmeldung keine Daten verloren gehen (siehe Erneute Authentifizierung).
- Tests: Ohne Zeitlimit als Standard.
- Spiele: Rundenbasiert statt in Echtzeit.
- Online-Shops: Der Warenkorb bleibt dauerhaft gespeichert.
- Inhalte: Nutzer:innen steuern Tempo und Fortschritt selbst.
Technische Hinweise:
- Verzichte auf
setTimeout(), wenn es Nutzer:innen Zeit vorgibt. - Ersetze automatische Weiterleitungen (z. B. per
<meta http-equiv="refresh">) durch Entscheidungen der Nutzer:innen. - Speichere Eingaben serverseitig oder lokal zwischen, damit nichts verloren geht.
5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist
Level AAA ist gesetzlich nicht gefordert – aber Inhalte ohne Zeitdruck bringen trotzdem echte Vorteile.
1. Zielgruppe erweitern
Laut WHO leben weltweit rund 1,3 Milliarden Menschen mit einer erheblichen Behinderung. Inhalte ohne Zeitdruck machen deine Dienste für viele von ihnen überhaupt erst nutzbar. Zusätzlich profitieren ältere Menschen, gestresste Nutzer:innen und alle, die in einer ablenkungsreichen Umgebung unterwegs sind.
2. Weniger Abbrüche
Zeitlimits sind ein häufiger Grund, warum Menschen einen Vorgang abbrechen. Ohne Zeitdruck kommen mehr Menschen ans Ziel – ob Bestellung, Anmeldung oder Lernmodul.
3. Einordnung der Rechtslage
Das BFSG verweist über die Norm EN 301 549 auf WCAG 2.1 Level AA, öffentliche Stellen orientieren sich an der BITV 2.0. AAA-Kriterien wie 2.2.3 sind dort nicht verpflichtend. Wer sie trotzdem umsetzt, geht über das Pflichtprogramm hinaus und deckt damit in der Regel auch 2.2.1 ab. Das ist eine allgemeine Information und keine Rechtsberatung.
Und nicht zuletzt: Gerade für Lernplattformen, Behördenportale und Angebote für ältere Menschen ist der Verzicht auf Zeitlimits oft ein spürbarer Qualitätsgewinn.
6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut des W3C
Success Criterion 2.2.3 No Timing (Level AAA)
Timing is not an essential part of the event or activity presented by the content, except for non-interactive synchronized media and real-time events.
Kurz gesagt: Zeit darf bei keinem Ereignis und keiner Aktivität eine wesentliche Rolle spielen – ausgenommen sind nur nicht interaktive synchronisierte Medien und Echtzeit-Ereignisse.
Offizielle Erklärung beim W3C
Das W3C erklärt jedes Erfolgskriterium ausführlich – mit Absicht, Beispielen und Techniken (auf Englisch).
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