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Barrierefrei²

Erfolgskriterium 2.2.6

2.2.6 Zeitüberschreitungen

Level AAABedienbar

Wenn Zeit zum Feind wird.

1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?

Du kennst das sicher: Du füllst ein kompliziertes Formular aus, das Telefon klingelt, und als du zurückkommst, ist alles weg. Sitzung abgelaufen, alle Daten verloren. Für manche Menschen ist das nicht nur ärgerlich – es ist eine unüberwindbare Barriere.

Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Aufmerksamkeitsstörungen oder motorischen Beeinträchtigungen brauchen oft mehr Zeit, um komplexe Aufgaben zu erledigen. Sie müssen vielleicht Pausen einlegen, Informationen nachschlagen oder sich einfach sammeln.

Das Ziel von Erfolgskriterium 2.2.6 ist deshalb klar: Nutzer:innen sollen wissen, wie lange sie inaktiv sein dürfen, bevor ihre Daten verloren gehen – oder noch besser, die Daten bleiben mehr als 20 Stunden erhalten.

2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?

Es geht um Zeitüberschreitungen durch Inaktivität, die zu Datenverlust führen können. Das Kriterium lässt zwei Lösungen zu:

Option 1: Hinweis auf die Dauer. Nutzer:innen erfahren, nach wie viel Inaktivität ihre Daten verloren gehen können. Am sinnvollsten ist dieser Hinweis zu Beginn eines Vorgangs – also bevor jemand Zeit investiert hat.

Option 2: Daten lange aufbewahren (empfohlen). Die Eingaben bleiben mehr als 20 Stunden erhalten, auch wenn niemand etwas tut. Dann ist kein Hinweis nötig, und Menschen können Pausen machen und später weiterarbeiten.

Gut zu wissen:

  • Das Kriterium verbietet keine Zeitüberschreitungen. Es verlangt nur Transparenz oder ausreichend lange Datenspeicherung.
  • Werden Daten gespeichert, bevor sich jemand angemeldet hat, kann der Datenschutz eine ausdrückliche Einwilligung verlangen.
  • Bei Minderjährigen darf eine solche Einwilligung in den meisten Rechtsordnungen nicht eingeholt werden. Das W3C empfiehlt, hier Datenschutz- und Rechtsfachleute einzubeziehen.

3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?

Stell dir vor, du musst deine Steuererklärung online machen, aber deine Konzentration lässt nach 30 Minuten nach. Oder du hast eine motorische Einschränkung und brauchst eine Stunde für ein Formular, das andere in 10 Minuten ausfüllen.

Hinweise auf Zeitüberschreitungen und lange Datenspeicherung schaffen Barrierefreiheit, weil sie:

  • Menschen mit kognitiven Einschränkungen ermöglichen, in ihrem eigenen Tempo zu arbeiten,
  • Menschen mit Aufmerksamkeitsstörungen helfen, sich zu sammeln und Pausen zu machen,
  • Menschen mit Gedächtnisproblemen Zeit geben, Informationen nachzuschlagen,
  • Menschen mit motorischen Einschränkungen ausreichend Zeit für die Eingabe verschaffen,
  • älteren Menschen helfen, die oft mehr Zeit für digitale Aufgaben benötigen.

Und nicht zuletzt: Sie ersparen allen Frust, die schon einmal wichtige Daten durch eine unerwartete Zeitüberschreitung verloren haben.

4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um

Die Umsetzung ist technisch meist machbar – und oft ein Gewinn für die allgemeine Nutzerfreundlichkeit. Hier ein paar bewährte Praxistipps:

Idealfall: Daten länger als 20 Stunden speichern

  • Speichere Formulardaten automatisch zwischen, auch wenn jemand die Seite verlässt.
  • Nutze dafür eine Datenbank auf dem Server oder localStorage im Browser. sessionStorage eignet sich nicht, weil es beim Schließen des Tabs gelöscht wird.
  • Biete eine Funktion „Entwurf speichern“ für längere Vorgänge an.
  • Schütze gespeicherte Daten angemessen, z. B. durch Verschlüsselung, und speichere sensible Daten nicht ungeschützt im Browser.

Alternative: Klar über die Zeitüberschreitung informieren

  • Nenne zu Beginn eines Vorgangs die maximale Dauer der Inaktivität.
  • Verwende verständliche Sprache: „Diese Sitzung läuft nach 30 Minuten ohne Aktivität ab. Nicht gespeicherte Eingaben gehen dann verloren.“
  • Platziere den Hinweis gut sichtbar, aber nicht störend.

Technische Umsetzung:

  • Baue automatisches Speichern für wichtige Formulare ein.
  • Verlängere die Sitzung auf dem Server, solange jemand aktiv ist.
  • Biete vor Ablauf einen Dialog „Sitzung verlängern“ an – das verlangt schon Zeitbegrenzungen anpassbar.
  • Stelle nach einer erneuten Anmeldung den Stand wieder her (siehe Erneute Authentifizierung).

Was du vermeiden solltest:

  • Stille Zeitüberschreitungen ohne jeden Hinweis
  • Unnötig kurze Zeitspannen ohne Sicherheitsgrund
  • Datenverlust schon bei kleinen Unterbrechungen
  • Unklare oder versteckte Informationen zur Zeitüberschreitung

5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist

Auch bei Erfolgskriterium 2.2.6 gilt: Barrierefreiheit ist kein Selbstzweck – sondern bringt handfeste Vorteile.

1. Mehr abgeschlossene Vorgänge

Jeder verlorene Formularinhalt ist ein potenziell verlorener Kunde. Wer alles noch einmal eingeben muss, bricht oft ab. Mit zuverlässiger Datenspeicherung kommen mehr Menschen ans Ziel.

2. Kundenservice entlasten

Weniger frustrierte Anrufe wie „Meine Daten waren plötzlich weg!“ bedeuten weniger Supportaufwand. Zufriedene Kund:innen melden sich seltener beim Kundenservice – und empfehlen dich weiter.

3. Zielgruppe erweitern

Du machst deine Dienste zugänglich für Menschen mit kognitiven Einschränkungen, ältere Menschen und alle, die komplexe Aufgaben in mehreren Etappen erledigen. Allein in Deutschland lebten Ende 2023 laut Destatis rund 7,9 Millionen schwerbehinderte Menschen.

Und nicht zuletzt: AAA-Kriterien wie 2.2.6 sind weder nach dem BFSG noch nach der BITV 2.0 verpflichtend, denn beide stützen sich auf WCAG 2.1 Level AA. Wer sie umsetzt, geht bewusst über das Pflichtprogramm hinaus. Das ist eine allgemeine Information und keine Rechtsberatung.

6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut des W3C

Success Criterion 2.2.6 Timeouts (Level AAA)

Users are warned of the duration of any user inactivity that could cause data loss, unless the data is preserved for more than 20 hours when the user does not take any actions.

Note: Privacy regulations may require explicit user consent before user identification has been authenticated and before user data is preserved. In cases where the user is a minor, explicit consent may not be solicited in most jurisdictions, countries or regions. Consultation with privacy professionals and legal counsel is advised when considering data preservation as an approach to satisfy this success criterion.

Kurz gesagt: Nutzer:innen müssen erfahren, nach wie viel Inaktivität Daten verloren gehen können – es sei denn, die Daten bleiben mehr als 20 Stunden erhalten.

Offizielle Erklärung beim W3C

Das W3C erklärt jedes Erfolgskriterium ausführlich – mit Absicht, Beispielen und Techniken (auf Englisch).

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