Zum Inhalt springen
Barrierefrei²

Erfolgskriterium 3.1.5

3.1.5 Leseniveau

Level AAAVerständlich

Wenn Texte zu komplex werden, braucht es Alternativen.

1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?

Komplexe Fachtexte gehören zum Internet wie der Espresso zur Besprechung – manchmal unvermeidbar, aber nicht für alle bekömmlich. Menschen mit Leseschwierigkeiten, kognitiven Einschränkungen oder Menschen, die nicht in ihrer Erstsprache lesen, stoßen an Grenzen, wenn Texte zu schwer verständlich sind.

Das Ziel von Erfolgskriterium 3.1.5 der WCAG ist daher klar: Wenn ein Text mehr Lesefähigkeit voraussetzt als nach etwa neun Schuljahren üblich, brauchst du eine einfachere Fassung oder ergänzende Inhalte, die beim Verstehen helfen.

Kurz gesagt: Auch komplexe Inhalte sollen für möglichst viele Menschen zugänglich sein – durch einfachere Sprache oder durch zusätzliche Hilfen.

2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?

Ganz konkret geht es um Texte, die eine Lesefähigkeit oberhalb der Sekundarstufe I voraussetzen. Die WCAG verstehen darunter den Bildungsabschnitt nach den ersten sechs Schuljahren, der etwa neun Jahre nach Beginn der Grundschule endet. Eigennamen und Titel werden bei der Bewertung nicht mitgezählt.

Überschreitet ein Text dieses Niveau, musst du eine der folgenden Möglichkeiten anbieten:

Ergänzende Inhalte bereitstellen, zum Beispiel:

  • eine Zusammenfassung in einfacher Sprache
  • Bilder, Grafiken oder Diagramme, die den Inhalt veranschaulichen
  • eine gesprochene Fassung des Textes
  • eine Fassung in Gebärdensprache

Oder eine alternative Fassung erstellen:

  • eine überarbeitete Version, die das Leseniveau der Sekundarstufe I nicht überschreitet

Wichtiger Hinweis: Das Kriterium hat Level AAA – die höchste Stufe der WCAG. Gerade bei Fachtexten ist es nicht für jeden Inhalt erreichbar, aber ein wertvolles Ziel.

3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?

Stell dir vor, du musst einen Fachartikel über Quantenphysik in einer Sprache lesen, die du nur halb beherrschst. So geht es vielen Menschen mit komplexen Texten – auch wenn sie in anderen Bereichen Fachleute sind.

Einfachere Sprache und verständliche Alternativen schaffen Barrierefreiheit, weil sie:

  • Menschen mit Legasthenie oder anderen Leseschwierigkeiten helfen, Inhalte zu verstehen
  • Menschen, die nicht in ihrer Erstsprache lesen, den Zugang erleichtern
  • Menschen mit kognitiven Einschränkungen ermöglichen, komplexe Themen zu erfassen
  • gehörlosen Menschen helfen, deren erste Sprache die Gebärdensprache ist
  • Stress reduzieren und das Lesen für alle angenehmer machen

Das Entschlüsseln komplizierter Sätze kostet Energie, die dann für das Verstehen fehlt. Kurze Sätze, bekannte Wörter und klare Strukturen erleichtern das Lesen erheblich.

4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um

Die gute Nachricht: Verständlich zu schreiben lässt sich lernen. Hier ein paar bewährte Praxis-Tipps:

Grundregeln für verständliche Texte:

  • Schreibe kurze Sätze – als Faustregel höchstens 15 bis 20 Wörter.
  • Verwende bekannte, alltägliche Wörter statt Fachbegriffe.
  • Formuliere aktiv statt passiv („Das System wurde entwickelt“ → „Wir haben das System entwickelt“).
  • Gliedere Inhalte in kurze Absätze.
  • Nutze aussagekräftige Zwischenüberschriften zur Orientierung.

Werkzeuge zum Prüfen der Lesbarkeit:

  • Lesbarkeitsformeln wie der für das Deutsche angepasste Flesch-Index oder die Wiener Sachtextformel
  • für englische Texte die Flesch-Kincaid-Formel oder der SMOG-Index
  • Schreibwerkzeuge, die lange Sätze und Passivkonstruktionen markieren

Formeln geben nur eine Annäherung. Am aussagekräftigsten ist ein Test mit Menschen aus deiner Zielgruppe.

Ergänzende Hilfen:

  • Biete Zusammenfassungen in Einfacher Sprache oder – für bestimmte Zielgruppen – in Leichter Sprache an.
  • Nutze Illustrationen, Diagramme oder Infografiken.
  • Biete eine Audio-Fassung an.
  • Erkläre unvermeidbare Fachbegriffe, siehe Ungewöhnliche Wörter.

Wo der Unterschied zwischen Leichter und Einfacher Sprache liegt, erklärt der Artikel Leichte und Einfache Sprache.

5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist

3.1.5 ist ein AAA-Kriterium und weder über das BFSG noch über die EN 301 549 verpflichtend, die WCAG 2.1 Level AA verlangt. Für öffentliche Stellen gibt es aber eine verwandte Pflicht: Die BITV 2.0 verlangt auf der Startseite Erläuterungen in Deutscher Gebärdensprache und in Leichter Sprache, unter anderem zu den wichtigsten Inhalten und zur Navigation. Dieser Abschnitt informiert allgemein und ersetzt keine Rechtsberatung.

1. Mehr Menschen erreichen

Verständliche Sprache erreicht mehr Menschen. Das gilt nicht nur für Menschen mit Einschränkungen, sondern auch für Eilige, Müde oder internationale Zielgruppen. Klare Kommunikation lohnt sich immer.

2. Weniger Missverständnisse

Komplizierte Texte führen zu Missverständnissen und Abbrüchen. Verständliche Inhalte sorgen dafür, dass deine Botschaft ankommt.

3. Weniger Rückfragen

Verständliche Kommunikation reduziert Nachfragen und Beschwerden. Besonders bei Bedingungen, Datenschutzhinweisen oder Produktbeschreibungen zahlt sich Klarheit aus.

6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut des W3C

Success Criterion 3.1.5 Reading Level (Level AAA)

When text requires reading ability more advanced than the lower secondary education level after removal of proper names and titles, supplemental content, or a version that does not require reading ability more advanced than the lower secondary education level, is available.

Kurz gesagt: Setzt ein Text – ohne Eigennamen und Titel – mehr Lesefähigkeit voraus als die Sekundarstufe I, braucht es ergänzende Inhalte oder eine einfachere Fassung.

Offizielle Erklärung beim W3C

Das W3C erklärt jedes Erfolgskriterium ausführlich – mit Absicht, Beispielen und Techniken (auf Englisch).

Understanding 3.1.5 (öffnet in neuem Tab)