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Barrierefrei²

Erfolgskriterium 3.1.6

3.1.6 Aussprache

Level AAAVerständlich

Wenn Worte mehrere Gesichter haben.

1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?

Sprache ist manchmal ein Chamäleon – dasselbe geschriebene Wort kann je nach Aussprache etwas völlig anderes bedeuten. Nimm „umfahren“: Betonst du „UMfahren“, wird etwas über den Haufen gefahren. Betonst du „umFAHren“, fährt man darum herum. Der Satz „Die Fahrerin hat das Schild umfahren“ lässt beides zu.

Für Menschen, die Screenreader nutzen oder Schwierigkeiten beim Lesen haben, kann das zum echten Problem werden. Spricht die Software das Wort falsch aus oder fehlt ein Hinweis, wird aus einem klaren Inhalt plötzlich ein Rätsel.

Das Ziel von Erfolgskriterium 3.1.6 der WCAG ist deshalb klar: Immer dann, wenn die Bedeutung eines Wortes im Zusammenhang ohne die richtige Aussprache unklar bleibt, muss es eine Möglichkeit geben, diese Aussprache herauszufinden.

2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?

Ganz konkret geht es um Wörter, deren Bedeutung von der Aussprache abhängt. Das Kriterium fordert:

Einen Mechanismus bereitstellen: Es muss eine Möglichkeit geben, die richtige Aussprache zu ermitteln, wenn sie für das Verständnis nötig ist.

Nur bei echter Mehrdeutigkeit: Wenn aus dem Zusammenhang klar wird, wie ein Wort gemeint ist, musst du nichts tun. „Die moderne Küche“ ist eindeutig, auch wenn „modern“ (MOdern, also verrotten) theoretisch ein zweites Wort ist.

Verschiedene Sprachen berücksichtigen: Besonders häufig ist das Thema in Sprachen wie Japanisch, wo Schriftzeichen (Kanji) mehrere Lesungen haben können, oder in Sprachen wie Hebräisch und Arabisch, in denen Vokalzeichen oft weggelassen werden.

Das Kriterium hat Level AAA – die höchste Stufe der WCAG. Es betrifft nur wenige Stellen, dort aber spürbar.

3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?

Stell dir vor, in einem Veranstaltungskalender steht „Montage im Kulturzentrum“. Geht es um Termine an Montagen (MONtage) oder um den Aufbau einer Ausstellung (monTAge)? Sehende Menschen raten aus dem Umfeld – ein Screenreader muss sich für eine Aussprache entscheiden und liegt womöglich daneben.

Aussprachehilfen schaffen Barrierefreiheit, weil sie:

  • Menschen helfen, die auf Screenreader angewiesen sind und bei falscher Aussprache den Sinn verpassen
  • Menschen mit Leseschwierigkeiten unterstützen, die Wörter beim Lesen innerlich „aussprechen“
  • Menschen mit kognitiven Einschränkungen eindeutige Informationen geben
  • Lernende unterstützen, die mit einer Fremdsprache oder Fachbegriffen kämpfen

Und nicht zuletzt: Eindeutige Texte verbessern die Verständlichkeit für alle, die schnell lesen.

4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um

Die gute Nachricht: Aussprachehilfen sind meist einfacher umzusetzen, als du denkst. Und oft ist die beste Lösung, den Satz so umzuformulieren, dass gar keine Mehrdeutigkeit entsteht. Hier ein paar bewährte Praxis-Tipps:

Direkte Angaben im Text:

  • Schreibe die Aussprache direkt hinter das Wort, zum Beispiel mit markierter Betonung: „Montage (Betonung auf der zweiten Silbe: monTAge)“.
  • Oder nutze eine Lautschrift wie das Internationale Phonetische Alphabet (IPA) – dann aber einheitlich.

Glossar mit Aussprachehilfen:

  • Lege ein Glossar an, das neben Definitionen auch Ausspracheangaben enthält.
  • Verlinke mehrdeutige Begriffe direkt mit ihren Glossareinträgen.

Technische Hilfsmittel:

  • Audiodateien: Verlinke schwierige Wörter mit einer kurzen Hörprobe.
  • Ruby-Anmerkungen: Für ostasiatische Sprachen zeigen kleine Zeichen über dem Haupttext die Aussprache an.
  • Diakritische Zeichen: In Sprachen, die Vokalzeichen meist weglassen, können sie bei mehrdeutigen Wörtern ergänzt werden.
<ruby>漢字<rt>かんじ</rt></ruby>

Sprachauszeichnung nicht verwechseln: Das lang-Attribut sorgt dafür, dass Screenreader fremdsprachige Passagen mit den richtigen Ausspracheregeln lesen – das regelt Sprache von Teilen. Eine Mehrdeutigkeit innerhalb einer Sprache löst es nicht.

Redaktionsleitfaden entwickeln:

  • Lege fest, wann du Aussprachehilfen anbietest.
  • Definiere, welche Form der Ausspracheangabe du nutzt.
  • Kennzeichne kritische Begriffe einheitlich.

5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist

3.1.6 ist ein AAA-Kriterium und weder über das BFSG noch über die BITV 2.0 verpflichtend – die zugrunde liegende EN 301 549 verlangt WCAG 2.1 Level AA. Für Unternehmen ist es vor allem dort relevant, wo Missverständnisse Folgen haben.

1. Missverständnisse vermeiden

In Anleitungen, Verträgen oder Terminankündigungen kann ein falsch verstandenes Wort echte Folgen haben. Eindeutige Formulierungen und Aussprachehilfen beugen dem vor.

2. Namen richtig aussprechen

Über das Kriterium hinaus zeigen Ausspracheangaben bei Marken-, Produkt- oder Personennamen Wertschätzung – und helfen Menschen, deine Marke korrekt weiterzuerzählen.

3. Mehrsprachige Inhalte verbessern

Wer Inhalte in Sprachen wie Japanisch anbietet, kommt um das Thema kaum herum. Aussprachehilfen machen solche Inhalte auch für Lernende zugänglich.

Dieser Abschnitt informiert allgemein und ersetzt keine Rechtsberatung.

6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut des W3C

Success Criterion 3.1.6 Pronunciation (Level AAA)

A mechanism is available for identifying specific pronunciation of words where meaning of the words, in context, is ambiguous without knowing the pronunciation.

Kurz gesagt: Wenn die Bedeutung eines Wortes im Zusammenhang erst durch die Aussprache klar wird, muss sich die richtige Aussprache herausfinden lassen.

Offizielle Erklärung beim W3C

Das W3C erklärt jedes Erfolgskriterium ausführlich – mit Absicht, Beispielen und Techniken (auf Englisch).

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