Erfolgskriterium 1.3.3
1.3.3 Sensorische Merkmale
Wenn Worte mehr sagen als Formen.
1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?
Stell dir vor, jemand erklärt dir am Telefon den Weg: „Nimm die grüne Tür rechts neben dem runden Schild.“ Wenn du Grün und Rot schlecht unterscheiden kannst oder das Schild gar nicht siehst, stehst du ziemlich ratlos da. Genauso geht es vielen Menschen im Web, wenn Anweisungen nur auf das Aussehen oder die Position von Elementen verweisen.
Manche Menschen sind blind oder sehen schlecht und nutzen Screenreader oder andere assistive Technologien. Andere haben eine Farbsehschwäche – etwa 8 % der Männer und 0,5 % der Frauen nordeuropäischer Herkunft – oder kognitive Einschränkungen. All diese Menschen haben ein Problem, wenn Bedienungsanweisungen nur sagen: „Klicke auf den roten Button“ oder „Wähle das Symbol rechts unten“.
Das Ziel von Erfolgskriterium 1.3.3 ist es, dass Anweisungen für alle verständlich sind – unabhängig davon, ob jemand Farben, Formen, Positionen oder Töne wahrnehmen kann. Zusätzliche Hinweise wie sichtbare Beschriftungen oder Namen machen Inhalte für alle zugänglich.
2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?
Das Erfolgskriterium ist Level A und damit grundlegend: Anweisungen zum Verstehen und Bedienen von Inhalten dürfen sich nicht ausschließlich auf sensorische Merkmale stützen. Das bedeutet:
Nicht nur Farbe verwenden: „Klicke auf den grünen Button“ reicht nicht – besser: „Klicke auf den grünen Button ‚Weiter‘“ oder einfach „Klicke auf ‚Weiter‘“.
Nicht nur Form beschreiben: „Drücke die runde Schaltfläche“ reicht nicht – besser: „Drücke die runde Schaltfläche ‚Absenden‘“ oder einfach „Drücke ‚Absenden‘“.
Nicht nur Position angeben: „Verwende das Symbol rechts oben“ ist problematisch – besser: „Öffne rechts oben das Hauptmenü (Symbol mit drei Strichen)“ oder „Öffne das Hauptmenü“.
Nicht nur Größe verwenden: „Klicke auf den großen Button“ funktioniert nicht für alle – besser: „Klicke auf ‚Jetzt kaufen‘“.
Nicht nur Töne: „Nach dem Signalton fortfahren“ ohne weiteren Hinweis reicht nicht – ergänze zum Beispiel eine Textmeldung.
Du darfst sensorische Merkmale zusätzlich verwenden – sie dürfen nur nicht die einzige Information sein. Die Kombination aus eindeutiger Benennung und visuellem Hinweis ist sogar ideal. Für Farbe als Informationsträger gilt zusätzlich Benutzung von Farbe.
3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?
Stell dir vor, du navigierst mit geschlossenen Augen durch eine Website – nur mit einem Screenreader als Hilfe. Wenn da steht: „Wähle das blaue Symbol rechts“, bist du aufgeschmissen. Du hörst weder Farben noch siehst du Positionen.
Anweisungen, die nicht nur auf Sinneswahrnehmung setzen, schaffen Barrierefreiheit, weil sie:
- blinden und sehbehinderten Menschen ermöglichen, Bedienelemente zu finden, auch wenn sie Form oder Position nicht wahrnehmen können,
- Menschen mit Farbsehschwäche helfen, die manche Farbkombinationen nicht unterscheiden können,
- Menschen mit kognitiven Einschränkungen unterstützen, denen rein visuelle Hinweise schwerfallen,
- Screenreader-Nutzer:innen helfen, die Elemente über ihren Namen ansteuern,
- gehörlosen und schwerhörigen Menschen nützen, wenn Hinweise sonst nur über Töne kommen,
- in schwierigen Nutzungssituationen helfen – bei starkem Sonnenlicht, kleinen Displays oder ausgeschaltetem Ton.
Und nicht zuletzt: Klare, eindeutige Anweisungen verbessern die Bedienbarkeit für alle – auch für Menschen ohne Einschränkungen, die sich schnell zurechtfinden wollen.
4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um
Die Umsetzung ist einfacher als gedacht – es geht vor allem um durchdachte Formulierungen und gute Beschriftungen. Ein paar bewährte Strategien:
Eindeutig benennen:
- Statt „Drücke den grünen Pfeil“ → „Drücke ‚Weiter‘“
- Statt „Wähle das runde Symbol“ → „Öffne das Benutzermenü“
- Statt „Klicke rechts oben“ → „Klicke auf ‚Einstellungen‘“
Benennung und Aussehen kombinieren:
- „Klicke auf den roten Button ‚Löschen‘“ (Beschriftung plus Farbe als Zusatz)
- „Öffne das Hauptmenü über das Symbol mit drei Strichen oben rechts“ (Funktion plus Symbol plus Position)
- „Wähle ‚Speichern‘ (grüner Button)“ (Beschriftung plus Farbe zur Verstärkung)
Die Beschriftung muss zur Anweisung passen: Wenn deine Anweisung „Klicke auf ‚Einstellungen‘“ lautet, muss das Element auch so heißen – sichtbar und im Code. Für Symbolbuttons heißt das:
<button type="button" aria-label="Einstellungen">
<svg aria-hidden="true" focusable="false">…</svg>
</button>
Die Anforderungen an Textalternativen für Symbole regelt Nicht-Text-Inhalt.
Strukturelle Hinweise nutzen:
- Auf Abschnitte über ihre Überschrift verweisen: „Im Abschnitt ‚Kontaktinformationen‘ findest du …“
- Optionen benennen statt zeigen: „Wähle eine der Optionen: Standard oder Premium.“
- Formularfelder über ihre Beschriftung ansprechen: „Trage im Feld ‚E-Mail-Adresse‘ …“
Bei komplexeren Anweisungen:
- Mehrere Erkennungsmerkmale anbieten: „Klicke auf ‚Weiter‘ (der blaue Button unten rechts)“
- Kontext mitliefern: „Wähle im Anmeldeformular ‚Registrieren‘“
5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist
Anweisungen, die nicht nur auf Sinneswahrnehmung setzen, klingen nach Theorie – sind aber ein echter Vorteil für jedes Unternehmen.
1. Bedienbarkeit für alle steigern
Klare, eindeutige Anweisungen verringern Verwirrung und Abbrüche. Wenn Nutzer:innen sofort verstehen, was sie tun müssen – ohne rätseln zu müssen, welcher der fünf blauen Buttons gemeint ist –, kommen sie leichter ans Ziel. Das gilt für alle, nicht nur für Menschen mit Behinderungen.
2. Supportanfragen reduzieren
„Ich finde den Button nicht“ oder „Wo ist das Symbol?“ – solche Anfragen entstehen oft durch unklare Anweisungen. Eindeutige Beschreibungen können den Aufwand im Support senken.
3. Technische Robustheit verbessern
Eindeutige Namen funktionieren nicht nur mit Screenreadern – sie helfen auch Sprachsteuerung, automatisierten Tests und Übersetzungen.
Und nicht zuletzt das Recht: Seit dem 28. Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) für viele Angebote an Verbraucher:innen. Maßstab ist die EN 301 549 mit Verweis auf WCAG 2.1 Level AA – 1.3.3 gehört als Level-A-Kriterium dazu. Öffentliche Stellen sind über die BITV 2.0 bzw. Landesrecht verpflichtet. (Allgemeine Information, keine Rechtsberatung.)
6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut des W3C
Success Criterion 1.3.3 Sensory Characteristics (Level A)
Instructions provided for understanding and operating content do not rely solely on sensory characteristics of components such as shape, color, size, visual location, orientation, or sound.
Note: For requirements related to color, refer to Guideline 1.4.
Kurz gesagt: Anweisungen dürfen sich nicht allein auf Form, Farbe, Größe, Position, Ausrichtung oder Klang von Elementen stützen.
Offizielle Erklärung beim W3C
Das W3C erklärt jedes Erfolgskriterium ausführlich – mit Absicht, Beispielen und Techniken (auf Englisch).
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