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Barrierefrei²

Erfolgskriterium 1.3.4

1.3.4 Ausrichtung

Level AAWahrnehmbar

Warum dein Inhalt flexibel bleiben muss.

1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?

Stell dir vor, du nutzt dein Tablet im Rollstuhl – aber es ist fest in einer Position montiert. Oder du kannst dein Gerät wegen eingeschränkter Handbeweglichkeit nicht einfach drehen. Plötzlich zeigt eine Website die Meldung: „Bitte drehen Sie Ihr Gerät ins Querformat.“ Frustrierend, oder?

Das Ziel von Erfolgskriterium 1.3.4 der WCAG ist es, dass Websites und Apps keine bestimmte Bildschirmausrichtung erzwingen. Ob Hoch- oder Querformat – der Inhalt soll in beiden Ausrichtungen zugänglich und bedienbar bleiben. So können alle selbst entscheiden, wie sie ihr Gerät halten, ohne Funktionen oder Inhalte zu verlieren.

2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?

Ganz konkret verlangt das Kriterium auf Level AA, dass deine Inhalte Ansicht und Bedienung nicht auf eine einzige Bildschirmausrichtung beschränken. Das bedeutet:

  • Inhalte müssen im Hoch- und im Querformat funktionieren – alle Inhalte und Funktionen bleiben in beiden Ausrichtungen verfügbar.
  • Keine Sperre der Ausrichtung – weder per Code noch per Hinweis „Bitte Gerät drehen“, der den Inhalt blockiert.
  • Das Layout darf sich anpassen – es muss nicht in beiden Ausrichtungen gleich aussehen, solange alles erreichbar bleibt.

Wichtig: Es geht um die Inhalte, nicht um die Geräteeinstellung. Wenn Nutzer:innen die Drehung an ihrem Gerät selbst sperren, ist das ihre Entscheidung – deine Website darf sie ihnen nur nicht abnehmen.

Ausnahmen gelten nur, wenn eine bestimmte Ausrichtung wesentlich ist. Das W3C nennt als Beispiele:

  • einen Bankscheck (etwa beim Fotografieren in einer Banking-App),
  • eine Klavier-App,
  • Folien für Projektor oder Fernseher,
  • Virtual-Reality-Inhalte, bei denen die Darstellung nicht an Hoch- oder Querformat gebunden ist.

Bei diesen Ausnahmen muss die Ausrichtung wirklich unverzichtbar für die Funktion sein – eine Design-Vorliebe reicht nicht.

3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?

Stell dir vor, dein Tablet ist fest am Rollstuhl montiert. Eine Website zeigt dir: „Für die optimale Nutzung drehen Sie das Gerät bitte ins Querformat.“ Aber du kannst es nicht drehen. So geht es Menschen, deren Gerät fest montiert ist, jeden Tag.

Freie Wahl der Ausrichtung schafft Barrierefreiheit, weil sie:

  • Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit ermöglicht, ihre Geräte in einer festen Position zu nutzen, ohne auf Inhalte zu verzichten,
  • sehbehinderten Nutzer:innen hilft, die für sie passende Ausrichtung zu wählen – manche brauchen das Querformat für größere Schrift,
  • älteren Menschen zugutekommt, denen es schwerfällt, Geräte zu drehen oder zu halten,
  • situative Einschränkungen berücksichtigt – etwa wenn jemand ein Gerät einhändig bedient oder es in einer Halterung steckt.

Und: Sie macht Inhalte universeller nutzbar – für alle, die ihr Gerät aus welchem Grund auch immer in einer bestimmten Position verwenden.

4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um

Flexible Ausrichtung ist im modernen Webdesign weitgehend Standard – ein paar Details solltest du trotzdem beachten:

Flexible Layouts umsetzen:

  • Nutze flexible Layouts mit Flexbox oder CSS Grid, die sich an die verfügbare Breite anpassen.
  • Teste deine Website bewusst in beiden Ausrichtungen – nicht nur auf verschiedenen Bildschirmgrößen.
  • Stelle sicher, dass Navigation, Buttons und wichtige Inhalte in beiden Ausrichtungen erreichbar bleiben.

Technische Umsetzung:

  • Media Queries wie @media (orientation: landscape) darfst du verwenden, um das Layout anzupassen – aber nicht, um Inhalte in einer Ausrichtung auszublenden oder durch einen „Bitte drehen“-Hinweis zu ersetzen.
  • Vermeide screen.orientation.lock() und eine feste Ausrichtung im Web-App-Manifest ("orientation"), wenn sie nicht wesentlich ist.
  • Achte darauf, dass JavaScript-Funktionen in beiden Ausrichtungen funktionieren und beim Drehen keine Eingaben verloren gehen.

Was du tun und lassen solltest:

  • Tun: Regelmäßig mit echten Geräten in beiden Ausrichtungen testen.
  • Lassen: Meldungen wie „Bitte drehen Sie Ihr Gerät“, die den Inhalt blockieren – es sei denn, die Ausrichtung ist wesentlich.
  • Tun: Dafür sorgen, dass alle Bedienelemente in beiden Ausrichtungen gut erreichbar sind.
  • Lassen: Wichtige Funktionen oder Inhalte in einer der beiden Ausrichtungen verstecken.

Besonderheiten bei Apps: Bei nativen Apps solltest du die Ausrichtung in der App-Konfiguration nicht festlegen, es sei denn, sie ist für die Funktion wesentlich.

Verwandt ist Umbruch (Reflow): Wer Inhalte sauber an schmale Breiten anpasst, hat auch beim Drehen meist wenig Probleme.

5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist

Flexible Ausrichtung klingt nach einem netten Extra – tatsächlich ist sie ein Qualitätsmerkmal und Teil der gesetzlichen Anforderungen.

1. Zielgruppe erweitern

Mit Inhalten, die in jeder Ausrichtung funktionieren, erreichst du Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, ältere Nutzer:innen und alle, die ihre Geräte aus persönlichen oder situativen Gründen in einer bestimmten Haltung nutzen.

2. Mobile Nutzung ist Alltag

Smartphones und Tablets sind für viele Menschen der wichtigste Zugang zum Web. Nutzer:innen erwarten, dass Websites so funktionieren, wie sie ihr Gerät gerade halten – wer das nicht bietet, verliert sie schnell.

3. Weniger Abbrüche

Eine Sperre der Ausrichtung ist eine vermeidbare Hürde mitten im Ablauf, etwa im Bestellprozess. Wer sie weglässt, nimmt Nutzer:innen einen unnötigen Grund zum Abbrechen.

Und nicht zuletzt das Recht: Seit dem 28. Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) für viele Angebote an Verbraucher:innen, auch für Apps im elektronischen Geschäftsverkehr. Maßstab ist die EN 301 549 mit Verweis auf WCAG 2.1 Level AA – 1.3.4 wurde mit WCAG 2.1 eingeführt und gehört dazu. Öffentliche Stellen sind über die BITV 2.0 bzw. Landesrecht verpflichtet. (Allgemeine Information, keine Rechtsberatung.)

6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut des W3C

Success Criterion 1.3.4 Orientation (Level AA)

Content does not restrict its view and operation to a single display orientation, such as portrait or landscape, unless a specific display orientation is essential.

Note: Examples where a particular display orientation may be essential are a bank check, a piano application, slides for a projector or television, or virtual reality content where content is not necessarily restricted to landscape or portrait display orientation.

Kurz gesagt: Inhalte dürfen sich nicht auf Hoch- oder Querformat beschränken – außer eine bestimmte Ausrichtung ist wesentlich.

Offizielle Erklärung beim W3C

Das W3C erklärt jedes Erfolgskriterium ausführlich – mit Absicht, Beispielen und Techniken (auf Englisch).

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