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Barrierefrei²

Erfolgskriterium 1.3.5

1.3.5 Eingabezweck bestimmen

Level AAWahrnehmbar

Wenn Formulare mitdenken.

1. Was ist das Ziel dieses Kriteriums?

Stell dir vor, du sitzt vor einem langen Formular und sollst zum zehnten Mal in dieser Woche Name, Adresse und Telefonnummer eintippen. Lästig, oder? Jetzt stell dir vor, dir fallen Lesen, Schreiben oder Erinnern schwer. Dann wird aus einem einfachen Formular schnell eine echte Hürde.

Das Ziel von Erfolgskriterium 1.3.5 ist es, dass Formulare „mitdenken“ können. Software soll erkennen, welche Art von Information in einem Eingabefeld erwartet wird – nicht nur über die sichtbare Beschriftung, sondern über eine maschinenlesbare Kennzeichnung. So können Browser Felder automatisch ausfüllen und Hilfsmittel sie zum Beispiel mit vertrauten Symbolen versehen.

Kurz gesagt: Wenn ein Formular nach deinem Namen, deiner E-Mail-Adresse oder deiner Anschrift fragt, soll die Technik das erkennen und entsprechend helfen können.

2. Was fordert das Erfolgskriterium genau?

Ganz konkret geht es um eine Anforderung auf Level AA für Eingabefelder, die Informationen über die Nutzerin oder den Nutzer selbst abfragen.

Der Zweck eines Eingabefelds muss programmatisch ermittelbar sein, wenn:

  • das Feld einem Zweck dient, der in der WCAG-Liste der Eingabezwecke steht (etwa Name, E-Mail, Telefon, Anschrift, Geburtsdatum, Benutzername oder Passwort), und
  • die verwendete Technik die Kennzeichnung des Feldzwecks unterstützt – in HTML ist das der Fall.

Praktisch bedeutet das:

  • HTML-Eingabefelder brauchen das passende autocomplete-Attribut (zum Beispiel autocomplete="name" für ein Namensfeld).
  • Die Werte müssen aus der festgelegten Liste stammen – keine selbst erfundenen Begriffe.
  • Es geht nur um Angaben zur Person selbst, nicht um Daten Dritter (zum Beispiel nicht „Name deines Partners“).

Beispiele: Ein E-Mail-Feld bekommt autocomplete="email", ein Vornamenfeld autocomplete="given-name", ein Feld für Straße und Hausnummer autocomplete="address-line1".

Felder, deren Zweck nicht in der Liste steht (etwa „Kundennummer“ oder „Ihre Nachricht“), oder Felder für Angaben über andere Personen fallen nicht unter das Kriterium.

3. Warum ist das wichtig für Barrierefreiheit?

Stell dir vor, dir fällt das Lesen schwer oder dein Gedächtnis lässt dich bei Zahlen und Adressen im Stich. Ein Formular mit 15 Feldern wird dann zur Qual – außer, es lässt sich automatisch ausfüllen oder hilft dir mit vertrauten Symbolen.

Maschinenlesbare Eingabezwecke schaffen Barrierefreiheit, weil sie:

  • Menschen mit kognitiven Einschränkungen helfen: Browser können Felder automatisch ausfüllen, ohne dass man sich Angaben merken muss,
  • Menschen mit Gedächtnisproblemen unterstützen: Wiederholte Eingaben entfallen durch automatisches Ausfüllen,
  • Menschen mit Sprach- oder Lernschwierigkeiten entlasten: Hilfsmittel können Felder mit vertrauten Symbolen kennzeichnen,
  • Menschen mit motorischen Einschränkungen entlasten: Weniger Tippen bedeutet weniger Anstrengung und weniger Fehler,
  • allen nützen: Auch Menschen ohne Einschränkungen füllen Formulare schneller und fehlerfreier aus.

Und das Beste: Die Kennzeichnungen sind sprachunabhängig – ein E-Mail-Feld bleibt erkennbar, egal ob die Seite auf Deutsch, Englisch oder Chinesisch ist.

4. So setzt du das Kriterium erfolgreich um

Die gute Nachricht: Die Umsetzung ist technisch meist sehr einfach und bringt sofort Mehrwert. So gehst du vor:

Das autocomplete-Attribut richtig verwenden:

  • Setze autocomplete bei allen Feldern, die Angaben zur Person abfragen.
  • Verwende nur Werte aus der festgelegten Liste (zum Beispiel name, email, tel, postal-code).
  • Wähle den Wert, der zum Feld passt: Gibt es ein einziges Namensfeld, ist name richtig; bei getrennten Feldern nimmst du given-name und family-name.

Häufige Eingabezwecke und ihre Werte:

  • Name: autocomplete="name" (vollständiger Name), given-name (Vorname), family-name (Nachname)
  • E-Mail: autocomplete="email"
  • Telefon: autocomplete="tel"
  • Anschrift: address-line1 (Straße und Hausnummer), postal-code (PLZ), address-level2 (Ort), country-name (Land)
  • Geburtsdatum: autocomplete="bday"
  • Zugangsdaten: username, current-password oder new-password
<label for="email">E-Mail-Adresse</label>
<input type="email" id="email" name="email" autocomplete="email">

<label for="plz">Postleitzahl</label>
<input type="text" id="plz" name="plz" autocomplete="postal-code" inputmode="numeric">

Technische Tipps:

  • Kombiniere autocomplete mit dem passenden type, etwa type="email" oder type="tel".
  • Das Attribut ergänzt die sichtbare Beschriftung, es ersetzt sie nicht.
  • Teste deine Formulare in verschiedenen Browsern: Funktioniert das automatische Ausfüllen?
  • Setze autocomplete="off" nicht bei Feldern für eigene Personendaten – das bremst genau die Hilfe aus, um die es geht.

Was du vermeiden solltest:

  • Felder für Angaben über andere Personen ungeprüft mit denselben Werten versehen – dort kann automatisches Ausfüllen falsche Daten eintragen.
  • Mehrere Zwecke in einem Feld vermischen.
  • Falsche Werte vergeben, etwa email bei einem Feld für die Telefonnummer.

Mehr zu Formularen findest du im Artikel Barrierefreie Formulare. Verwandt sind Redundante Eingabe und auf Level AAA Zweck bestimmen.

5. Warum dieses Erfolgskriterium für Unternehmen relevant ist

Auch hier gilt: Barrierefreiheit ist kein netter Bonus – sie wirkt sich direkt auf dein Geschäft aus.

1. Formulare schneller ausfüllbar machen

Formulare sind oft der kritische Punkt im Bestell- oder Anmeldeprozess. Ein Formular, das sich automatisch ausfüllen lässt, spart Zeit und Tipparbeit – besonders auf Mobilgeräten – und nimmt Nutzer:innen einen häufigen Grund zum Abbrechen.

2. Bessere Nutzererfahrung

Formulare, die mitdenken, wirken durchdacht und kundenfreundlich. Sie zeigen, dass du Wert auf Details legst – das stärkt das Vertrauen in deine Marke.

3. Bessere Datenqualität

Automatisches Ausfüllen verringert Tippfehler. Weniger fehlerhafte Daten bedeuten weniger Rückfragen, weniger manuelle Nacharbeit und robustere Prozesse.

Und nicht zuletzt das Recht: Seit dem 28. Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) für viele Angebote an Verbraucher:innen, etwa Online-Shops mit Bestell- und Kontoformularen. Maßstab ist die EN 301 549 mit Verweis auf WCAG 2.1 Level AA – 1.3.5 wurde mit WCAG 2.1 eingeführt und gehört dazu. Öffentliche Stellen sind über die BITV 2.0 bzw. Landesrecht verpflichtet. (Allgemeine Information, keine Rechtsberatung.)

6. Das Erfolgskriterium im Wortlaut des W3C

Success Criterion 1.3.5 Identify Input Purpose (Level AA)

The purpose of each input field collecting information about the user can be programmatically determined when:

  • The input field serves a purpose identified in the Input Purposes for User Interface Components section; and
  • The content is implemented using technologies with support for identifying the expected meaning for form input data.

Kurz gesagt: Felder, die persönliche Angaben aus der festgelegten WCAG-Liste abfragen, müssen ihren Zweck maschinenlesbar mitteilen – in HTML über das autocomplete-Attribut.

Offizielle Erklärung beim W3C

Das W3C erklärt jedes Erfolgskriterium ausführlich – mit Absicht, Beispielen und Techniken (auf Englisch).

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